Unser IPA-Freund Hendrik H. war kürzlich in den USA zu einer Hospitation. Er hat einen sehr interessanten, informativen und lesenswerten Bericht mit einigen Fotos verfasst. Der Wuppertaler Vorstand wünscht allen viel Spaß beim Lesen.

- Vorwort
Der folgende Bericht soll meine Reise im Rahmen des Austauschprogramms der IPA dokumentieren. Zunächst möchte ich aber einen kleinen Erfahrungsbericht abgeben und erklären, wie das Ersuchen um eine derartige Hospitation von Statten ging.
Was man erstmal als etwas erschlagend und kompliziert vermuten mag, stellte sich als erstaunlich einfach heraus. Im April 2025 habe ich mich bei meiner IPA Verbindungsstelle (IPA Wuppertal) erkundigt, was ich zu tun habe, sollte ich Interesse an einer Hospitation in den USA haben. Diese schickten mir einige Dokumente zu, die ich auszufüllen hatte. Die ausgefüllten Dokumente, zusammen mit einem frei formulierten Bewerbungsschreiben, sandte ich dann zurück. Sämtliches wurde umgehend an die IPA Sektion Deutschland weitergeleitet, welche mein Ersuchen an die IPA US Section weitergab. Dort kümmerte der Vorsitzende Bob Rogers sich dann persönlich um die weitere Planung. Nach zugegeben längerer Wartezeit, in welcher ich jedoch immer über den aktuellen Stand der Planung informiert wurde, meldete Bob Rogers im März 2026, dass die Polizeibehörde in Boiling Springs, NC unter Chief Brian Di Yorio sich meiner annehmen würde.
Die detaillierte Planung über den genauen Hospitationszeitraum und die Programmpunkte wurde ab März durch Brian DiYorio übernommen. So konnte ich vom 26.06.2026 bis zum 12.07.2026 meine Hospitation beim BSPD im Cleveland County, North Carolina, USA absolvieren.
Später erfuhr ich, dass die IPA USA eher dünn aufgestellt sei. Während die USA mit rund 740.000 aktiven Polizeibeamten (Statista, 2024) nur 4.589 IPA Mitglieder verzeichnen kann (IPA Website, 2026 abgerufen), hat Deutschland rund 270.000 aktive Polizeibeamte und kann dabei ganze 52.680 IPA Mitglieder verzeichnen (IPA Mitgliedschaften in Deutschland sind nicht auf den Beamtenstatus reduziert und auch Pensionäre können Mitglied sein). Die organisatorischen Strukturen der IPA USA sind also weniger stark aufgestellt. Umso dankbarer bin ich, dass die US Section die Hospitation trotzdem möglich gemacht hat und solch eine Fülle an verschiedenen Behörden und Einheiten sich die Zeit genommen haben, um mir einen Bruchteil ihrer Arbeit zu präsentieren und mich daran teilhaben zu lassen.
- Anreise
Am Freitag, den 26.06.2026 ging der Flug von Düsseldorf nach Charlotte. Charlotte ist die größte Stadt des Bundesstaats North Carolina, aber nicht die Hauptstadt und hat etwa 1 Million Einwohner. Hauptstadt North Carolinas ist Raleigh mit etwa 470.000 Einwohnern.
Am Flughafen in Charlotte angekommen wurde ich noch an der Brücke zum Flugzeug von einem Beamten der US Customs und einem Polizeibeamten des CMPD (Charlotte-Mecklenburg PD) in Empfang genommen. Beide begleiteten mich durch den Flughafen und führten mich durch diverse der Öffentlichkeit unzugängliche Gänge, lotsten mich an den eigentlich üblichen Schlangen vorbei, bis ich schließlich dem Beamten vorgestellt wurde, welcher über meine Einreise entscheiden sollte. Ich erfuhr später durch Brian, dass die Einreise selbst als US Staatsbürger schon meist lange dauert, gerade als Tourist habe der Prozess gut und gerne über eine Stunde dauern können. In diesem Fall erklärten meine beiden Begleiter Ziel und Zweck meiner Reise und sorgten dafür, dass ich innerhalb von 15 Minuten meinen Stempel bekam und den Flughafen verlassen konnte.
Chief Di Yorio hatte im Vorhinein beim CMPD angefragt, ob mich jemand vom Flughafen abholen kann. Dass diese Abholung dafür sorgen würde, dass ich fast den gesamten Prozess im Schnelldurchlauf absolvieren konnte, hatten wir beide nicht mit gerechnet.
Jedenfalls im Eingangsbereich wurde ich durch Brian erwartet. Die ersten Tage sollte ich bei ihm in Belmont verbringen. Dabei handelt es sich um eine Art Vorort westlich von Charlotte.
- Belmont/ Charlotte
Das erste Wochenende verbrachte ich zunächst bei Brian und seiner Frau Sarah, wo mir ein großzügiges Gästezimmer zur Verfügung gestellt wurde. Die Idee war, mir erst etwas von der Region und der Kultur zu zeigen, bevor es am Montag mit Polizeithemen losging.
So zeigten die Di Yorios mir am Samstag die Stadt Charlotte. Wir besuchten dort unter anderem die Nascar Hall of Fame, da in North Carolina ein großer Teil der Nascar Geschichte stattfand. Durch die Prohibition hervorgebrachte Alkohol Schmuggler, frisierten ihre Fahrzeuge, um den Gesetzeshütern entwischen zu können und traten damit den Sport los. North Carolina spielte dabei eine zentrale Rolle. So wurde der erste Nascar Sprint Cup 1949 auf dem Charlotte Speedway abgehalten. Im Anschluss besuchten wir diverse Lokale und ich konnte mir eine Übersicht über Charlotte Uptown verschaffen.

Nascar Hall of Fame
Zum Abend besuchten wir das „Coyote Joe´s“ in Charlotte. Dabei handelt es sich um einen „Country Music Nightclub“, welcher zwar natürlich durch eine Atmosphäre auffällt, die ich in Deutschland so vergleichbar bisher nicht erlebt habe, aber vor allem bekannt ist für sein „Line Dancing“. Das Line Dancing ist ein traditionell amerikanischer Gruppentanz, welcher vor allem im Rahmen der Country Musik in den 50er und 60er große Beliebtheit erfuhr und in derartigen Lokalitäten bis heute auch und vor allem durch ein junges Publikum praktiziert wird.
Am Sonntag zeigte Brian mir die Umgebung in Belmont. Belmont ist eine Kleinstadt, westlich von Charlotte. Die Stadt Charlotte wuchs innerhalb der letzten Jahre jedoch so rasant, dass Belmont fast in die wesentlich größere Nachbarstadt übergeht. So nutzen viele Einwohner Belmont als günstigen Vorort zum Wohnen und arbeiten in Charlotte. Wer Gewässer liebt, wird sich in Belmont ebenfalls sehr wohlfühlen, da dort der recht weite Catawba River durchfließt, welcher immer wieder in Seen, wie den Lake Wylie, übergeht.

Belmont
Am Ende des Tages machte ich mich fertig, für meinen Umzug. Brian selbst arbeitet als Chief von Boiling Springs, was sich eine entspannte Fahrtstrecke von 65 Kilometern westlich von Belmont befindet. Dort würde ich im Vergleich zu anderen Dienststellen, die meiste Zeit verbringen.
- Boiling Springs

Boiling Springs Rathaus und Polizeiwache
Auf der Wache angekommen wurde ich den diensthabenden Kollegen vorgestellt. Die gesamte Wache von Boiling Springs beschäftigt 11 Vollzeit- und 5 Teilzeitkräfte. Pro Schicht wird versucht mindestens 2 Beamte im Dienst zu haben. Boiling Springs ist eine Kleinstadt, mit grob 4.600 Einwohnern und ist Teil des Cleveland Countys. In der Stadtmitte treffen zwei Highways aufeinander, um dessen Kreuzung sich die Stadt gebildet hat. Dazu kommt die Gardner-Webb University, welche rund 3.000 Studenten beherbergt. In Boiling Springs konnte ich bei Streifenfahrten mitfahren, am Schießtraining teilnehmen und mir wurde das Wachgebiet, so wie einige der Einwohner und die Stadtverwaltung vorgestellt. Die Kommunikation zwischen Polizei und Bürgern war nach meiner Beobachtung durchweg respektvoll und äußerst bürgernah. Es schien als kenne Jeder Jeden und die Kollegen aus Boiling Springs haben sich sehr Mühe gegeben die Hilfe für ihre Stadt zu sein, die die Bürger benötigen.

Boiling Springs Streifenwagen
Es wurde mir außerdem viel über das System der Polizei in North Carolina erklärt und wie zu erwarten war, gibt es viele Unterschiede zu unserem in NRW. Zunächst ist der Bundesstaat in viele verschiedene „Countys“ aufgegliedert, welche sehr vergleichbar mit unseren Kreisen sind. Jedes County hat sein eigenes Sheriff´s Department. Der Sheriff und all seine Angestellten (Deputys) sind für das ganze County zuständig sowie das örtliche Jail. Der Sheriff wird übrigens vom Volk gewählt und ist daher nicht nur Polizist, sondern auch Teil des politischen Gefüges. Es gibt meist allerdings nur eine Wache des Sheriffs, in der Kreishauptstadt. Da sich innerhalb eines Countys aber natürlich oft mehrere Städte befinden, haben diese Städte, je nach Größe und Status, nochmal ihre eigene Polizeien. Die Polizeidienststellen sind dort, wie bei uns das Ordnungsamt, angegliedert in die Stadtverwaltung. Es handelt sich aber hier um vollständige Polizeidienststellen, die Streife fahren, auf Notrufe reagieren und kriminalpolizeiliche Aufgaben übernehmen. Eben all die klassischen Aufgaben wahrnehmen, die jeder Bürger auf der Welt von seiner Polizei erwartet, nur dass am Ende der Hierarchie der Bürgermeister der jeweiligen Stadt steht und nicht der Innenminister des Landes. Das führt aber natürlich dazu, dass man sich selbst innerhalb eines Countys, nicht wie bei uns einfach umsetzen lassen kann, sondern beim Behördenwechsel vorgehen muss, wie in der freien Wirtschaft, sollte man die Firma wechseln wollen. Daher unterscheiden sich die Polizeien von Stadt zu Stadt, wie bei uns die Bundesländer. Jeder hat eine andere Uniform, andere Markierungen auf den Streifenwagen und leicht andere Zuständigkeiten. Um diesen Wust an Beamten noch unübersichtlicher zu gestalten, gibt es dazu noch die State Police und diverse operativ tätige Bundesbehörden. Die State Police ist für den gesamten Bundesstaat zuständig und kümmert sich hauptsächlich um Verkehrsangelegenheiten. So bin ich zum Beispiel nach einem Nachtdienst in Boilings Springs in eine Kontrollstelle der State Trooper direkt vor Boilings Springs geraten. Die Kollegen in Boilings Springs hatten von der Anwesenheit dieser Trooper jedoch keine Kenntnis, da beide unabhängig voneinander arbeiten. In all der Unübersichtlichkeit hat jedoch die Leitstelle trotzdem den Durchblick. Die ist nämlich für das ganze County zuständig und koordiniert alle Kräfte, aller Behörden, auch wenn die Leitstelle dort nicht weisungsbefugt ist. Das sind am Ende immer noch die jeweiligen Führungskräfte.
- Shelby

Straße in Shelby
Die Nachbarstadt von Boilings Springs „Shelby“ ist Kreishauptstadt des Cleveland County und hat circa 22.000 Einwohner. Joe Talley ist Kollege der Wache Boilings Springs und hat mir freundlicherweise eine Wohnung in Shelby zur Verfügung gestellt. Geld hat er dafür keines verlangt. Auch wenn Talley noch kein IPA Mitglied ist, hat für ihn die Freundschaft von Polizeiangehörigen über die ganze Welt einen hohen Stellenwert.
Mitte der Woche konnte ich mir in Shelby die Detectives und das hauseigene SWAT-Team anschauen. Begleitet wurde ich dabei von Detective Andrew Paz von der Wache Boiling Springs. Bei den Detectives konnte ich viele Parallelen zu unserer Kripo Arbeit ziehen. Wie Akten aufgebaut werden, wie jeder über das Bearbeitungsprogramm flucht und welche Maßnahmen, wie z.B. ED-Behandlungen oder Durchsuchungen durchgeführt werden. Der einzige spannende Unterschied hier ist, dass die Polizei hier nicht als Ermittlungsperson der Staatsanwaltschaft gilt. Das führt dazu, dass die Polizei unter Umständen Vorgänge selbst einstellen kann, ohne die StA davon in Kenntnis gesetzt zu haben. Natürlich trotzdem nur unter strengen Regularien. Aber so können sich die Detectives mehr als bei uns auf die relevanten Vorgänge konzentrieren und machen weniger überflüssige Verwaltungsarbeit. Außerdem habe ich im direkten Vergleich mit meiner Dienststelle in Wuppertal festgestellt, dass das Budget für die Dienststellen, die ich dort besuchte wesentlich höher schien. Die Ausrüstung, die dort im Einsatz war, um den objektiven Befund eines Tatorts aufzunehmen oder ein Durchsuchungsobjekt aufzuklären, darf man sich hierzulande, als reguläre Dienststelle, auf eine Wunschliste schreiben und dann regelmäßig eine Kerze anzünden, damit man in 5 bis 10 Jahren endlich das benötigte Material bekommt.
Das SWAT-Training verlief ebenfalls anders, als die mir bekannten LÜHT Abnahmetermine, einmal im Jahr. Zunächst muss erklärt werden, dass jede der eben erwähnten Polizeibehörden, je nach Größe und Budget, sein eigens SWAT stellt. In Shelby ist das SWAT aufgebaut, wie unsere A-Züge der Hundertschaften. Jedes Mitglied des SWAT Shelby hat eigentlich eine andere Funktion, geht aber auf regelmäßige Fortbildungen und Trainings und muss Bereitschaften stellen, sollte das SWAT alarmiert werden. Größere Städte können auch ständige Teams stellen. Die Aufgaben des SWAT entsprechen einer Mischung unserer ETKs und SEKs. Bei dem Training, an dem ich teilgenommen habe, sollten einige Beamte ihre „Qualification“ absolvieren. Wie bei uns die LÜHT muss für jede Waffe einmal im Jahr die Qualification geschossen werden. Standard Dienstgewehr für das SWAT ist die AR15. Wer aber etwas anderes präferiert kann selbst Waffen mitbringen, prüfen lassen und mit diesen dann seine Qualification schießen und ab dann im Dienst tragen. Wer eine Waffe mit Vollautomatik besitzt, muss nachweisen, dass er damit umgehen kann und auch dann kann die Waffe im Dienst genutzt werden. Geschossen wurde auf einer Außenschießbahn, irgendwo im Wald bei Shelby. Als Schussfang diente ein Steilhang. Innenschießbahnen sind selten und allerhöchstens in Großstädten anzutreffen. Geschossen wurde auf bis zu circa 80 Yards, also ungefähr 72 Meter, in verschiedenen Stellungen. Außerdem wurde trainiert, wie Blendgranaten in geschlossenen Räumen richtig verwendet werden. Ich konnte mit einer 40mm Waffe schießen und ausprobieren, wie sich die Vollautomatik einer UMP verhält. Da jeder in North Carolina ab 18 Jahren Schusswaffen und Munition jeglicher Art kaufen und besitzen, mit Waffenschein sogar tragen darf, war die Benutzung und Ausgabe von Munition auf dem Schießstand wesentlich weniger streng reguliert als bei uns. Jeder konnte sich bedienen und wenn etwas auf der Schießbahn liegenblieb wollte man das aus Kostengründen natürlich vermeiden, es wäre aber am Ende des Tages auch nicht schlimm, wenn sich ein Bürger über gefundene Munition freuen darf.

Shelby SWAT
- Appalachen

Appalachen
Auf dem Weg nach Asheville nahm mich Brian mit zu seinem Freundeskreis, um dort am 04.07.2026 das 250 Jährige Jubiläum zur Unabhängigkeit von britischer Herrschaft zu feiern. Standesgemäß deckten wir uns mit Feuerwerk, Burgern, Hotdogs und allerlei blau, weiß roter Deko ein. Es gab eine Gartenparty, gutes Essen, sehr nette und gastfreundliche, aufgeschlossene Leute und zum Abschluss wurde sämtliches vorher erworbenes Feuerwerk gezündet. Tags zuvor besuchten wir noch ein Baseballspiel in Asheville. Es spielten die Tourists gegen die Spartanburgers. Im Anschluss zum Spiel ging es in großer Gruppe zu einer Kneipentour, durch Asheville, die für mich mit zu den Highlights der Fahrt zählte.
Am Anfang der darauffolgenden Woche konnte ich dann eine Schicht beim Asheville PD mitfahren. Asheville ist mit rund 95.000 Einwohnern etwas größer als Shelby und liegt in den Appalachen, genauer in den Blue Ridge Mountains. Das Wachgebiet der Polizeiwache, auf der ich war, lag im Westen, in einer eher einkommensschwächeren Region der Stadt. Genau wie Deutschland produziert das US-Amerikanische System Armut und tut in Sachen Armutsbekämpfung wenig mehr als den Versuch zumindest die Symptome abzuschwächen. Wir hatten diverse Einsätze in Straßenzügen, in denen ausschließlich Bedürftige in städtischen Wohnungen unterkommen. Das führte zu einer regelrechten Ghettoisierung. Innerhalb dieses Ghettos waren live übertragende Kameras an verschiedenen Punkten sichtbar angebracht. Einzelne Polizeibeamte konnten aus ihren Dienstwagen heraus, zu jeder Zeit auf diese Kameras zugreifen und mitverfolgen, was auf den Straßen, Parkplätzen und Vorgärten passiert. Einer der Kollegen entdeckte ein verdächtiges Fahrzeug abgeparkt, mit zwei Insassen, vor einem dieser Häuser stehend. Er identifizierte die Insassen als nicht ortsansässig. Jedenfalls konnte bei einer der beiden Personen ein Bubble von augenscheinlich Meth aufgefunden werden. Beide wirkten wie regelmäßige Konsumenten. Sie verhielten sich kooperativ und freundlich den Kollegen gegenüber. Nach vorhandener Rechtsgrundlage wurde die Person, die das Bubble an sich trug, noch an Ort und Stelle festgenommen und zum County Jail transportiert. Dort würde sie auf ihren Gerichtstermin warten, sollte sie die Kaution nicht bezahlen können, was in dieser Einkommensklasse typischerweise nicht der Fall ist. Über mögliche Drogenpräventionsprogramme wurde zumindest vor Ort, mit den Betroffen nicht gesprochen. Wenn ich mir den ironischen Kommentar erlauben darf: Das „Land of the Free“, habe ich mir in diesem Aspekt anders vorgestellt.

Asheville PD
- Charlotte (CMPD)
Mitte der Woche ging es noch einmal zurück nach Charlotte. Diesmal um dort das CMPD zu besuchen. Hier wurden Brian, Chris Williamson (Sergeant in Boiling Springs) und mir die Möglichkeit gegeben, mit einem Polizeihelikopter über die Skyline von Charlotte zu fliegen. Die für mich ungewohnten Wolkenkratzer aus näherer Vogelperspektive sehen zu dürfen war definitiv ebenfalls eines der Highlights. Mitten im Flug hat die Besatzung einen Einsatz erhalten und so konnten wir live dabei sein, als mit dem Helikopter Jugendliche auf Fahrrädern verfolgt wurden, die sich durch die Vorstadt von Charlotte versuchten aus dem Staub zu machen, nachdem sie in einer Mall Pyrotechnik zündeten. Dem Heli konnten sie aber nicht entkommen.

CMPD Helikopter

Charlotte Uptown von oben
Außerdem wurde uns das Real Time Crime Center (RTCC) präsentiert. Die Stadt Charlotte hat fast an jeder Straße Überwachungskameras platziert. Im RTCC kann die Polizei dann zu jederzeit live sich in jede Kamera einwählen. Die Aufnahmen werden außerdem für mehrere Monate gespeichert. Während meiner Anwesenheit ereignete sich auf einer Kreuzung ein Verkehrsunfall mit Personenschaden. Über Funk wurde mitgeteilt, dass ein Autofahrer einen Radfahrer erfasste. Der RTCC Mitarbeiter wählte sich umgehend in die betreffende Kamera, sah die aktuelle Lage live und gab einen Lagebericht per Funk an die eingesetzten Kräfte. Dann spulte er im Video 5 Minuten zurück, vor den Unfall. Es war zu sehen, wie der Radfahrer über eine rote Ampel fuhr und der Autofahrer keine Chance hatte noch zu bremsen. Sofort wurde der Unfallhergang ebenfalls per Funk durchgegeben, das Videomaterial gespeichert und aufbereitet, um von der zuständigen Stelle verarbeitet zu werden. Innerhalb weniger Minuten, noch bevor die Unfallstelle auch nur ansatzweise geräumt war, waren die Unfallermittlungen schon abgeschlossen. Zeitgleich wurde durch einen anderen RTCC Mitarbeiter eine Person in der Innenstadt erkannt, die einen Haftbefehl offen hatte. Über Funk wurden Kräfte zu der Stelle versandt und der Betreffende festgenommen. Die Vorteile eines solchen Systems sind unschwer erkennbar. Straftaten können besser aufgeklärt, Bürgern schneller geholfen und polizeiliche Maßnahmen effektiver durchgesetzt werden.
Auf der anderen Seite bieten solche Systeme ein hohes Potenzial für Missbrauch. Wobei der Begriff „Missbrauch“ hier erstmal definiert werden müsste. Datenschützer sprechen nicht ohne Grund von einem „Datentrog“, an dem sich Schweine nur allzu gerne bedienen, sobald sie die Möglichkeit dazu haben. Ebenso in der Kritik der Bevölkerung steht das „Flock System“. Hier werden über die gesamten Straßen der USA Kameras verteilt, die Kennzeichen aufnehmen und mit den Ortsdaten abspeichern. So kann je nach Bedarf für jede Person ein Bewegungsmuster erstellt oder Anwesenheiten im Tatbereich nachgewiesen werden. Außerdem wird der Halter jedes Fahrzeugs sofort im System überprüft. Sollte also jemand mit einem Haftbefehl die Stadt betreten, würde die lokale Polizei davon erfahren. Das Risiko von einem Missbrauch durch einzelne Beamte bestünde zwar, hielte sich aber in Grenzen. Im Gespräch redete ein Mitarbeiter des CMPD von stichprobenartigen Kontrollen von abfragenden Beamten. Das sich daraus ergeben Bild zeige, dass der Missbrauch dieses Systems kaum erwähnenswert sei. Was hier jedoch außer Acht gelassen wird, ist nicht der Missbrauch einzelner Beamter, sondern eine möglicherweise flächendeckende problematische Nutzung des Systems mit vorhandener Rechtsgrundlage. Wenn die Strukturen für eine allumfassende Überwachung sämtlicher Bürger eines Landes erst einmal bestehen, könnte sich eine radikale oder extremistische Regierung dieses System genauso zu Nutze machen, wie eine demokratische. Das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit würde weiterhin gewahrt, die Benutzung unter Umständen moralisch aber nicht zu rechtfertigen.

CMPD
- Boone

Negotiator Training
Als letzte Station ging es noch einmal tief in die Appalachen, nach Boone. Dort befindet sich unter anderem die Appalachian State University (AppState or ASU), gegründet 1899 und hat derzeit circa 15.000 eingeschriebene Studenten. Im Football Stadion fand dort nämlich eine Einführungsfortbildung für werdende „Negotiator“ statt. Dabei handelt es sich um eine Spezialisierung, die unserer Verhandlungsgruppe nah kommt. Nur dass auch hier das Verhandeln kein Vollzeitjob ist, sondern die Negotiator alarmiert werden müssen. Brian selbst war einige Jahre bei den Negotiatorn im Gaston County und konnte einiges an seiner Expertise weitergeben. Die Anzulernenden mussten hier erst 3 Tage Theorie hinter sich bringen und dann 2 Tage Rollenspiele absolvieren. Zum Abschluss stand ein schriftlicher Test an. Brian gab aber auch zu verstehen, dass die Arbeit als Negotiator ständiges Lernen bedeutet und es erwartet wird in regelmäßigen Abständen Fortbildungen zu besuchen, um seine Fähigkeiten in Verhandlungen mit Brückenspringern und Geiselnehmern noch weiter zu verfeinern.
Im Anschluss konnte ich noch am Training vom SWAT vor Ort teilnehmen. Dort wurde gerade unter anderem mit Präzisionsgewehren trainiert.
Übernachten konnten wir bei Brians Großvater. Dieser lebt in einem geräumigen Haus in einem sogenannten „Holler“. Dabei handelt es sich um enge Täler, die sich zwischen Berg- und Steilwänden den Berg hochwinden. So eng, dass meist nur eine Straße, mit wenigen Häusern rechts und links davon Platz finden.
- Abreise
Aus Boone ging es dann zurück nach Belmont, ins Haus von Brian und Sarah. Am letzten Tag gingen wir in ein „Waffle House“. Hier bekam ich die für mich stereotypische „Diner“ Erfahrung. Ich hatte beinahe das Gefühl in einem Hollywood Film zu sein und könnte mir vorstellen Stammgast zu werden, sollte es jemals Waffle Houses in Deutschland geben.

Waffle House
Tags darauf wurde ich vom gleichen CMPD Officer am Flughafen wieder entgegengenommen und nachdem ich die wie üblich vergessen Flüssigkeiten im Handgepäck abgab, ging der Flug auch schon zurück nach Düsseldorf.
Einige Erlebnisse und Erfahrungen von meiner Hospitation haben es aus Platzgründen leider nicht in den Bericht geschafft. Brian hatte einen Plan ausgetüftelt, der mich täglich an spannende Orte und zu spannenden Menschen führte. Ich muss an dieser Stelle auch noch einmal hervorheben, wie außergewöhnlich die Mühen sind, die Brian und alle anderen Kollegen vor Ort auf sich nahmen, nur um mir ihr Land und ihre Polizei zu zeigen. In den USA gibt es kaum stehende IPA Strukturen und es sind Menschen wie Brian, die so einen Austausch überhaupt möglich machen. Ich bin froh, dass das geklappt hat, konnte viel lernen und mitnehmen und hoffe, dass vielleicht der ein oder andere Kollege aus den USA sich dazu entscheidet in Deutschland zu hospitieren. Die IPA hat nicht nur in den USA ein Nachwuchsproblem und es sind Reisen wie diese, die zeigen wie wichtig es ist den internationalen Austausch aufrecht zu erhalten, um Verständnis und Offenheit zwischen den Kulturen zu fördern. Anders hätte ich zum Beispiel nie erfahren können, dass es so etwas fantastisches wie „Fried Pickles“ gibt. Das einzige Problem ist, dass ich jetzt der Sucht verfallen bin und einen sehr kalten Entzug gerade durchmache.
Oft habe ich von Menschen aus meinem Umkreis gehört, wie laut und unhöflich die Amerikaner doch wären. Vor Ort habe ich dann aber außergewöhnlich gastfreundliche, offene und vor allem sehr höfliche Menschen getroffen. Menschen, die dieselben Sorgen und Gesprächsthemen haben, wie bei uns. Menschen die aus denselben Gründen die Polizei rufen und aus denselben Gründen bei der Polizei arbeiten.
Wissenwerte Links zum obigen Bericht findet Ihr unter:
ILDEP Internship – IPA US Section’s International Learning and Development Exchange Program
ILDEP- https://www.ipa-usa.org/page/ExchangeProgram
Statista Anzahl Polizeibeamte USA – https://www.statista.com/statistics/191694/number-of-law-enforcement-officers-in-the-us/
IPA Mitgliedszahlen – https://ipa-international.org/national-sections/