International Police Association – Deutschland

Young Police Officers‘ Seminar 2026

Als 51 junge Polizeibeschäftigte aus 31 Nationen sich in Nordrhein-Westfalen für eine Woche versammelten, ging es nie nur um Trainingsinhalte. Es ging darum, was passiert, wenn Menschen aus fünf Kontinenten aufeinandertreffen – und merken, wie viel sie verbindet.

Vor fünfzehn Jahren saß Philipp Kurz selbst im Kreis – jung, neugierig, voller Erwartungen. 2011 nahm er am allerersten YPOS der IPA teil, in Amsterdam. Was er dort erlebte, prägte ihn: Begegnungen mit Kolleginnen und Kollegen aus Ländern, in die ihn sonst kein Dienstweg geführt hätte. Freundschaften, die hielten. Im August 2026 stand er auf der anderen Seite. Nicht als Teilnehmer, sondern als Gastgeber. Als Präsident der IPA Deutschland hieß er zweiundfünfzig junge Polizeibeschäftigte aus einunddreißig Nationen willkommen – im Bildungszentrum Selm-Bork. Der Kreis hatte sich geschlossen.

Ankommen in Selm-Bork

Die Woche begann mit einem Gefühl, das viele der Ankommenden kannten: die Mischung aus Aufregung und Vorfreude, wenn man einen Ort betritt, an dem man noch nie war, aber Menschen trifft, die man bald Freunde nennt. Markus Henkel, Leiter des LAFP NRW, und Philipp Kurz hießen die Runde willkommen – und spürten sofort: Hier stimmt die Chemie.

Ein geführter Rundgang über das Gelände des LAFP NRW gab erste Einblicke in Ausbildungs- und Trainingsbereiche, bis hin zum Schießstand. Danach ging es um die IPA selbst: nationale und internationale Strukturen, Kommissionen, Projekte, die internationale Strategie der Vereinigung. Wer neu war, verstand schnell: Die IPA ist mehr als ein Netzwerk. Sie ist eine Infrastruktur für Begegnung.

Den formellen Teil des Tages beschloss eine gemeinsame sportliche Aktivität, bei der Sprachbarrieren schnell unwichtig wurden. Und was offiziell endete, begann eigentlich erst: Beim BBQ im IPA Haus Selm-Bork entspannen sich Gespräche – über Heimatländer, über den Weg zur Polizei, über Erwartungen an die kommende Woche.

Wenn die Zukunft ins Training kommt

„Future Meets Training – Digitalisation in Police Operational Training“ lautete das Leitthema. Kein abstraktes Schlagwort, sondern ein Versprechen, das die gesamte Woche durchzog. Die Frage, die im Raum stand: Wie verändern Digitalisierung, neue Technologien und innovative Trainingsmethoden die Polizeiarbeit – und vor allem die Art, wie die nächste Generation ausgebildet wird?

Antworten gab es im Innovation Lab des LZPD NRW in Duisburg. Die Digitalstrategie der Polizei NRW wurde in einer Form vorgestellt, die das Thema selbst erfahrbar machte: Der Vortrag wurde live von einer selbst entwickelten Künstlichen Intelligenz übersetzt. Ein Roboterhund demonstrierte, wo technische Systeme bereits heute operativ unterstützen können. Was in manchen Heimatländern der Teilnehmenden noch Zukunftsmusik ist, hatte hier Hand und Fuß – und löste lebhafte Diskussionen aus.

Dass Zukunft aber nicht bedeutet, Bewährtes über Bord zu werfen, zeigte sich an anderer Stelle. Im Praxisworkshop zum taktischen Handfesseln vermittelten Ausbilder moderne Techniken, Schritt für Schritt. Im VR-Workshop probierten die Teilnehmenden den Einsatz von Taser und Schusswaffe in virtueller Umgebung – realistisch genug, um zu lernen, sicher genug, um Fehler machen zu dürfen. Genau darum ging es: Innovation erleben, ohne die Praxis aus den Augen zu verlieren.

Polizeiarbeit hautnah

Wer die Woche in Selm-Bork verbrachte, bekam Polizeiarbeit nicht nur erklärt, er erlebte sie mit allen Sinnen. Beim Polizeipräsidium Bochum standen die Bereitschaftspolizei, die Technische Einsatzeinheit und die Beweissicherungs- und Festnahmehundertschaft im Fokus. Die internationalen Gäste durften selbst aktiv werden: Als „Störer“ bei einer Übung der Bereitschaftspolizei spürten sie am eigenen Leib, was Einsatzdynamik bedeutet. Eine Gruppe von Teilnehmern durfte sich vor den Wasserwerfer setzen und wurde klitschnass gespritzt. Auch die Landesreiterstaffel zeigte, wie Tradition und Moderne zusammenwirken – und ließ Teilnehmende als Störer an einer Übung mitwirken.

Bei der Bundespolizeidirektion in Sankt Augustin besichtigte die Gruppe spezialisierte Einsatzbereiche der Beweis- und Festnahmehundertschaft. Der eigentliche Höhepunkt kam jedoch buchstäblich von oben: Ein Hubschrauber der Bundespolizei landete – und die Gruppe durfte ihn nicht nur besichtigen, sondern auch einsteigen. Für viele war es der erste Kontakt mit einem Polizeihubschrauber überhaupt.

In Düsseldorf schließlich ging es um Einsatzrealität im urbanen Raum. Der Austausch über die besonderen Herausforderungen und Konzepte zur Bewältigung polizeilicher Einsatzlagen in der Düsseldorfer Altstadt bot Stoff für lebhafte Diskussionen – ähnliche Probleme kennen die Kolleginnen und Kollegen aus ihren Heimatländern nur zu gut. Abends klang der Tag in einem traditionellen Brauhaus aus, bei dem sich Gespräche über alte Einsätze, über Familien, über die Zukunft der IPA entspannen.

Europa im Dialog

Dass Polizeiarbeit längst nicht mehr an Landesgrenzen endet, zeigte der Dialog mit der Europaabgeordneten Lena Düpont. Unter dem Leitthema „Future Policing in Europe – Opportunities and Challenges for the Next Generation of Police Officers“ diskutierten die jungen Polizeibeschäftigten aktiv mit. Es war kein Vortrag von oben herab, sondern ein Austausch auf Augenhöhe – und ein Zeichen, dass die nächste Generation europäischer Polizeiarbeit bereits heute grenzüberschreitend denkt.

Wenn aus Kollegen Freunde werden

Was ein YPOS wirklich ausmacht, lässt sich nicht in Programmpunkten messen. Es sind die Momente dazwischen.

Der International Evening zum Beispiel: ein Abend, an dem jede Nation ihre kulinarischen Spezialitäten und kulturellen Eigenheiten vorstellte. Und dann dieser eine Moment, in dem das Patch-Tauschen begann – ein Austausch von Abzeichen als Zeichen der Verbundenheit, als Erinnerung an Begegnungen, die bleiben.

Einen ganz eigenen, fast symbolischen Höhepunkt bot die Baumpflanzaktion. Die IPA Selm-Bork lädt seit jeher jede Nation, die zum ersten Mal zu Gast im LAFP Selm-Bork ist, dazu ein, einen eigenen Baum zu pflanzen – dauerhaft versehen mit der Flagge des jeweiligen Landes. So wuchs an diesem Tag ein kleiner, bunter Wald, jeder Baum für sich ein stilles Zeichen: Wir waren hier, und wir gehören dazu. Beim Pflanzen traf die Gruppe zufällig auf eine weitere IPA Delegation, die zur gleichen Zeit zur Freundschaftswoche in Selm-Bork zu Gast war. Zwischen den frisch gesetzten Bäumen erkannten einige der jungen Polizeibeschäftigten plötzlich ihre eigenen Landsleute wieder – und aus zufälligen Blicken wurden binnen Minuten Gespräche, aus Gesprächen Kontakte.

Solche Begegnungen wirkten über die Woche hinaus. Manche der Teilnehmenden hatten schon vor der Abreise konkrete Pläne geschmiedet, sich in den kommenden Wochen gegenseitig in ihren Heimatländern zu besuchen. Aus einer Woche in Nordrhein-Westfalen wurden so, ganz nebenbei, die nächsten Kapitel einer Freundschaft, die über Ländergrenzen hinweg weitergeschrieben wird.

Auch der Tag in Münster gehörte zu diesen Momenten, die zählen, ohne im Trainingsplan zu stehen: Empfang im Historischen Friedenssaal des Rathauses durch die stellvertretende Bürgermeisterin, eine Stadtrundfahrt im Doppelstockbus, Freizeit zum eigenständigen Erkunden, ein gemeinsames Abendessen. Gespräche, die sich lösten von Dienst und Programm.

Es waren genau diese Augenblicke, die das YPOS 2026 zu mehr machten als einer klassischen Fortbildungsveranstaltung.

Ein starkes Fundament

Ein Seminar dieser Größenordnung steht und fällt mit den Partnern, die es tragen. Das LAFP NRW als Gastgeber, das LZPD NRW mit dem Innovation Lab, das Polizeipräsidium Bochum mit seinen spezialisierten Einheiten, das Polizeipräsidium Düsseldorf und die Bundespolizeidirektion Sankt Augustin öffneten ihre Türen und gewährten tiefe Einblicke. Auch außerhalb der Behörden fand das YPOS starke Verbündete: Alpine Fox, ASP, Axon, Tasmanian Tiger und Travellunch unterstützten die Woche – Partnerschaften, ohne die ein Seminar dieser Dimension kaum realisierbar gewesen wäre.

Was bleibt

Bei der offiziellen Abschlussveranstaltung wurden die Teilnahmezertifikate übergeben. Doch was wirklich zählte, stand auf keinem Zertifikat.

Hanna aus Finnland brachte es auf den Punkt: „Thank you all for this amazing week. Honestly, this has been the best trip abroad of my entire life, because everything was organzied so well – the food, the activities and especially this community. There is no other work environment where you get the chance to meet new people from such a wide range of cultures.“

Muhammad aus Pakistan ergänzte: „I learned a lot from each of you, not only professionally but also through the friendships, experiences, and connections we shared.“ Brian aus den USA war sich sicher: „I know we all made memories we will never forget and friends that will last a lifetime.“ Und Laura aus Deutschland fasste zusammen, was wohl alle empfanden: „It was such a wonderful time, filled with great conversations, valuable exchanges, and most importantly, new friendships.“

Zweiundfünfzig Teilnehmende. Einunddreißig Nationen. Fünf Kontinente. Eine Polizeifamilie.

Das YPOS 2026 hat gezeigt, dass internationale Freundschaft und professioneller Austausch keine abstrakten Ziele der IPA sind. Sie werden von der nächsten Generation aktiv gelebt – in jeder Begegnung, in jedem Gespräch, das über Grenzen hinweg geführt wird. Die persönlichen Kontakte, die in dieser Woche entstanden sind, können über viele Jahre Bestand haben und bilden eine wichtige Grundlage für Vertrauen und grenzüberschreitende Zusammenarbeit.

Was Philipp Kurz 2011 in Amsterdam begann, hat sich 2026 in Selm-Bork fortgeschrieben. Nicht als Wiederholung, sondern als Bestätigung: Wenn man junge Menschen zusammenbringt, wenn man ihnen Raum gibt für fachlichen Austausch und persönliche Begegnung, dann entsteht etwas, das über die Woche hinaus trägt. Vertrauen. Verständnis. Freundschaft.

Servo per amikeco. Dienen durch Freundschaft. In Selm-Bork wurde dieser Satz eine Woche lang nicht nur gedacht. Er wurde gelebt.